Innovation City Roll Out – Entwicklung von klimagerechten Stadtquartieren

Der InnovationCity Roll Out steht für eines der größten Projekte des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem 2010 gestarteten Projekt „InnovationCity Ruhr | Modellstadt Bottrop“ sollen auf das gesamte Ruhrgebiet ausgerollt werden. Ziel ist es, den einzigartigen, initial für Bottrop entwickelten Prozess auf weitere Städte im Ruhrgebiet zu übertragen und klimagerechte Stadtquartiere zu entwickeln.

In insgesamt 20 ausgewählten Quartieren der Metropole Ruhr werden ganzheitliche Quartiersentwicklungen nach dem Vorbild der „InnovationCity Ruhr | Modellstadt Bottrop“ initiiert. Das Gesamtprojekt besteht aus einer Analyse, Konzeptentwicklung und einer möglichen darauf folgenden Umsetzung. Es soll eine deutliche CO2-Reduktion erzielt und die „Energiewende von unten“ weiter vorangetrieben werden.

Innovation_City_RollOut

Bürgermeister Carsten Wewers bei der offiziellen Bekanntgabe der 20 Gewinner-Quartiere des „InnovationCity roll out“ (Foto: Innovation City Management GmbH)

Quartier Groß-Erkenschwick

Besonderes Merkmal des Quartiers Groß-Erkenschwick ist, dass ein großer Teil der Wohngebäude auf weitläufig begrünten Freiflächen mit großzügigem Baumbestand stehen. Vorherrschender Gebäudetyp ist der „Schlichtwohnungsbau der Nachkriegszeit“, das heißt, die Mehrzahl der zweigeschossigen Mehrfamilienhäuser stammt aus den 50er- und 60er-Jahren. Eine jüngere Gebäudestruktur existiert seit 1995. 62 Prozent der Gebäude gelten als nicht modernisiert. Zu über 90 Prozent werden fossile Energieträger genutzt. 84 Prozent der Quartiersbewohner sind Mieter. Außerdem wohnen hier etwa zehn Prozent aller 65-Jährigen der Stadt.

Das Quartier liegt relativ stadtmittig. Im Norden ist es an die örtliche Hauptdurchgangsstraße angebunden, im Osten grenzt es an den zentralen Versorgungsbereich der Stadt. Im Quartier befinden sich das städtische Schulzentrum, das evangelische Gemeindezentrum, eine katholische Gemeinde sowie drei Kindertagesstätten. Einzigartig ist ein Hain mit altem Baumbestand, der aus der Quartiersmitte hinaus als Fuß- und Radweg Richtung Außenbereich genutzt werden kann.

Abschluss der Konzeptphase und Abschlussbericht

IC_Rollout_Abschlussbericht

Mit einer Abschlussveranstaltung, an der auch die Bundesumweltministerin Svenja Schulze und NRW-Europaminister Dr. Stephan Holthoff-Pförtner sowie zahlreiche Repräsentanten aus der Energie- und Wohnungswirtschaft teilnahmen, wurde die Konzeptphase des Klimaschutzprojekts „InnovationCity roll out“ beendet. Von 2016 bis 2019 wurden 20 Quartiere in 17 Städten in der Metropole Ruhr untersucht. Auf über 5.000 Seiten führt die Innovation City Management GmbH (ICM) in den 20 integrierten energetischen Quartierskonzepten aus, wie sich sowohl industriell als auch ländlich geprägte Quartiere Schritt für Schritt in energieeffiziente Quartiere wandeln können. Ähnlich wie in der Stadt Bottrop, die als InnovationCity-Modellstadt seit einigen Jahren klimagerechten Stadtumbau erfolgreich durchführt. Bis zum Jahr 2020 wird dort der CO2-Ausstoß um ca. 37 % reduziert sein.

Das Quartier Groß-Erkenschwick ist eines dieser 20 Quartiere, die per Bewerbungsverfahren durch eine Fachjury für diesen Prozess ausgewählt wurden. Bürgermeister Carsten Wewers, der gemeinsam mit Amtskollegen und -kolleginnen weiterer teilnehmenden Städte den Dank für die gute Zusammenarbeit entgegennahm, sagt dazu: “Energetische Sanierungen bedeuten nicht nur Klimaschutz, sondern auch die Senkung der Energiekosten und die Steigerung des Gebäudewerts. Daher sind wir froh, mit dem „InnovationCity roll out“ hier einen wichtigen Schritt zu gehen.“

Fast 40 % der CO2-Emissionen stammen aus Gebäuden. Deswegen können sich Klimaschutzmaßnahmen durchaus für den Einzelnen rechnen. Burkhard Drescher, Geschäftsführer der ICM mit Sitz in der Klima-Modellstadt Bottrop erklärt: „Es müssen nicht immer die teuren Investitionen sein. Gerade niederschwellige, kleinere Maßnahmen, die sich in wenigen Jahren auszahlen, können erheblich zur Energiewende beitragen.“ Selbst der Austausch alter Elektrogeräte und ein anderes Nutzungsverhalten beim Strom- und Wärmeverbrauch führen zu erheblichen Einsparungen, die sich auch im Geldbeutel bemerkbar machen.
Die Stadt Oer-Erkenschwick hat am 20. Februar 2019 den Abschlussbericht für ein Integriertes Energetisches Quartierskonzept im Rahmen von „InnovationCity roll out“ erhalten. Wenige Tage später wurde er dem Ausschuss für Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung und dem Stadtrat präsentiert und erläutert. Der Rat der Stadt Oer-Erkenschwick hat daraufhin die Verwaltung beauftragt, das erhaltene Konzept mit Hilfe eines Sanierungsmanagements durch ein geeignetes Projektbüro und unter Ausschöpfung möglicher Fördergelder umzusetzen.

Zu welchen Ergebnissen kommt „InnovationCity roll out“?
• In den 20 untersuchten Quartieren werden derzeit jährlich knapp 1 Mio. Tonnen CO₂ ausgestoßen. Diese Menge würde 1.440 Mal den Gasometer in Oberhausen füllen.
• Bei Umsetzung aller in den Konzepten vorgeschlagenen Maßnahmen können konservativ berechnet über einen Zeitraum von fünf Jahren über 300.000 Tonnen CO₂ eingespart werden. Ein 300 km² großer Wald könnte diese Menge an Kohlenstoffdioxid innerhalb eines Jahres aufnehmen. Er wäre somit größer als Dortmund.
• Mit der Erzeugung und Nutzung von Sonnenenergie könnten die Quartiere ihren Strombedarf untereinander komplett abdecken und die gleiche Strommenge sogar noch abgeben. Derzeit haben die Photovoltaik-Anlagen im gesamten Untersuchungsgebiet eine Leistung von 13.500 Megawattstunden pro Jahr (MWh/a). Das theoretische Photovoltaik-Potenzial liegt mit mehr als 1,12 Mio. MWh/a weit darüber.
• Um 1,12 Mio. MWh/a mit fossilen Energien zu gewinnen, müssten zum Beispiel 474.000 Tonnen Braunkohle verstromt werden. Das entspricht einer Ladung von 24.000 Sattelzügen, die aneinandergereiht einen 336 Kilometer langen Stau von Bottrop bis nach Heidelberg produzieren würden.
• Durch energetische Modernisierungsmaßnahmen wie etwa den Austausch von Fenstern oder die Dämmung der obersten Geschossdecke ließen sich im Bereich Wärme bei Wohnhäusern theoretisch über 575.000 MWh/a einsparen. Der Energiebedarf könnte demnach um 45 Prozent reduziert werden – und somit könnten zum Beispiel 270.000 Fässer Heizöl eingespart werden.
• Bereits durch den Austausch von alten Elektrogeräten und eine Verhaltensänderung der Bewohner ist es möglich, fast 17.000 MWh/a einzusparen. Mit dieser Strommenge könnten jährlich mehr als 123.000 A++ Kühlschränke betrieben werden. Ausgehend von den durchschnittlichen Stromkosten könnten die privaten Haushalte damit auch rund 5 Mio. Euro sparen.

Weitere Zahlen zu „InnovationCity roll out“:
Eine Fläche so groß wie Manhattan
Die Fläche der 20 „roll out“-Quartiere ergibt zusammen rund 58 km² und ist damit in etwa so groß New Yorks Stadtbezirk Manhattan. In den Quartieren leben zusammen rund 212.000 Einwohner – also so viele Menschen wie in Oberhausen. Untersucht wurden insgesamt 38.623 Gebäude. 81,6 Prozent der Gebäude (oder 31.000) wurden vor der ersten Wärmeschutzverordnung im Jahr 1977 erbaut und haben größtenteils einen hohen energetischen Modernisierungsbedarf.

Mit Tausenden Menschen im Gespräch
In den 17 Kommunen hat das ICM-Team 263 Gesprächstermine mit über 1.200 Gesprächspartnern geführt. An weiteren Veranstaltungen nahmen mehr als 2.000 Akteure teil. Bei allen Terminen wurden die Erfahrungen aus der Modellstadt Bottrop weitergetragen. Sie bildeten die Basis für passende lokale Maßnahmen, die mit den Verantwortlichen in den jeweiligen Städten erarbeitet wurden. In Zielvereinbarungen wurde das Versprechen dokumentiert, die Maßnahmen aus den Konzepten auch umzusetzen. Die ICM hat dabei Vorschläge unterbreitet, wie die Umsetzung zu finanzieren ist.

Kostenlose Energieberatung gewünscht
An den Befragungen der ICM nahmen auch 1.738 Bürger teil. Knapp 40 Prozent aller Befragten planen in den kommenden fünf Jahren energetische Modernisierungsmaßnahmen, insbesondere den Austausch alter Heizungen, Fenster und Türen sowie die Dämmung des Daches bzw. der obersten Geschossdecke. Dies geschieht fast ausschließlich aus finanziellen Gründen: zur Senkung der Energiekosten und zum Werterhalt des Gebäudes. Dem gegenüber stehen insbesondere auch finanzielle Hemmnisse, da Fördermittel oft nicht bekannt oder an zu hohe Vorgaben geknüpft sind. Jeder zweite Eigentümer und jeder vierte Mieter wünscht sich daher ein möglichst kostenloses Angebot zur Energieberatung.

Weitere Informationen

Das Quartier Groß-Erkenschwick bei InnovationCity Ruhr