Vom Abwasser befreit hat der Lippeverband den Westerbach in Oer-Erkenschwick bereits vor neun Jahren – nun beginnt die naturnahe Umgestaltung des technisch stark überformten Gewässers. Der einst offene Schmutzwasserlauf wird in den kommenden zwei Jahren aus seinem Betonkorsett herausgeholt und teilweise in sein ursprüngliches Bachbett gelegt. Das Ziel ist die ökologische Durchgängigkeit der Gewässer im Dattelner Mühlenbach-System, so dass künftig Fische aus der Lippe stromaufwärts bis in den Westerbach in Oer-Erkenschwick schwimmen können.
Aus der einst grauen Rinne wird wieder ein blauer Fluss mit grünen Ufern. Nur in einem kleinen Abschnitt belässt der Lippeverband die Optik des tief eingeschnittenen Grabens, die über Jahrzehnte das Bild der Gewässer in der Lippe-Region geprägt hat – als Erinnerung an die vergangene Ära der „Köttelbecken“. In die Revitalisierung des Westerbachs investiert der öffentlich-rechtliche Wasserwirtschaftsverband knapp 2,2 Millionen Euro.
„Mit der Renaturierung des Westerbachs und der Verbindung mit den Öko-Systemen des Dattelner Mühlenbachs und der Lippe wird das blaugrüne Leben wieder in das Gewässer und nach Oer-Erkenschwick zurückkehren. Für Flora und Fauna bedeutet diese Maßnahme eine erhebliche Aufwertung“, sagt Shoaiub Nazir, Bürgermeister der Stadt Oer-Erkenschwick, beim Spatenstich für das Projekt am Mittwoch (21.10.).
„Dass unsere Gewässer nach und nach renaturiert werden, ist eine sehr gute Entwicklung“, meint André Dora, Bürgermeister der Stadt Datteln. „In diesem Fall profitiert bei uns auch der Dattelner Mühlenbach davon, dass der Westerbach in unserer Nachbarstadt naturnah umgestaltet wurde und neue Tierarten angesiedelt wurden, da Fische ja nur sehr selten an Stadt- und Verwaltungsgrenzen Halt machen.“
„Die ökologische Verbesserung des Westerbachs bedeutet nicht nur einen Mehrwert für Flora und Fauna – mit der Renaturierung gestalten wir das Gewässer deutlich klimaresilienter. Insbesondere vor dem Hintergrund des fortschreitenden Klimawandels und der befürchteten Zunahme an Hitzephasen und Dürreperioden wird die neue Natur am Westerbach für eine Beschattung des Gewässers sorgen und den Bach damit besser vor Verdunstung und Austrocknung schützen“, erläutert Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender des Lippeverbandes.
Betonsohlschalen weichen einem natürlichen Bachbett
Der erste Abschnitt des Westerbachs reicht von der Schultenstraße in Oer-Erkenschwick bis zur Verbandsstraße. Diese Trasse ist rund 1.050 Meter lang. Hier wird der Lippeverband die Sohlschalen inklusive des Unterbaus entnehmen und das Gewässer somit aus seinem trist-grauen Betonkorsett befreien. Der Wasserwirtschaftsverband wird zudem zur ökologischen Verbesserung des Westerbachs ein neues Sohlsubstrat einbringen, was einen ersten Schritt zur naturnahen Entwicklung und zur Ansiedlung einer Artenvielfalt bedeuten wird.
Im darauffolgenden Abschnitt von der Verbandsstraße bis zu dem Punkt, ab dem der Westerbach einen neuen Gewässerverlauf erhält und nun westlich anstatt östlich am Hof Gutacker vorbeifließt, münden zwei weitere Gewässer – der Esseler Bruchgraben und der Sauerkampgraben – in den Westerbach. Der technisch stark überformte Mündungsbereich des Esseler Bruchgrabens wird zurückgebaut und ebenfalls naturnah umgestaltet. Zudem werden die Böschungen in diesem Bereich teilweise abgeflacht und das Gewässer aufgeweitet. Wie im vorangegangenen Abschnitt werden auch hier die Sohlschalen entnommen und durch ein neues Sohlsubstrat ersetzt. Von Grau zu Blaugrün – der Westerbach erhält ein neues Gesicht.
Verlegung des Westerbachs in das ursprüngliche Gewässerbett
Aktuell verläuft der Westerbach teilweise in einer höheren Lage als der Steinrapener Bach, in den er mündet. Der Höhenunterschied wird zurzeit durch ein Absturzbauwerk aus Beton egalisiert, was jedoch eine Durchgängigkeit für Flusslebewesen verhindert: Für Fische bedeutet dies eine Einbahnstraße, weil sie das knapp zwei Meter hohe Absturzbauwerk nicht entgegen der Fließrichtung überwinden können. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie, nach der auch der Westerbach umgestaltet wird, schreibt jedoch die ökologische Durchgängigkeit für Fische vor. Diese öfters auch als „EU-Reisefreiheit für Fische“ bezeichnete Durchgängigkeit schafft der Lippeverband, indem der Westerbach künftig ab unterhalb der Einmündung des städtischen Sauerkampgrabens verlegt wird und eine neue Gewässertrasse erhält.
Anstatt östlich des Hofes Gutacker wird der Bach nun westlich an ihm vorbeigeführt. Das Besondere an dieser Stelle: Der Lippeverband legt den Westerbach in sein ursprüngliches Bett, das teilweise noch vorhanden ist – aufgrund bergbaubedingter Abflussprobleme war die Trasse vor Jahrzehnten nach Osten verlegt werden. In der Folge mündet der Westerbach zunächst in den Steinrapener Bach. Ab dem Zusammenfluss bilden beide Gewässer den Dattelner Mühlenbach, der durch das Stadtgebiet von Datteln und letztlich in die Lippe fließt.
Erinnerung an die vergangene Ära der Köttelbecken
Der alte Verlauf des Westerbachs östlich des Hofes Gutacker wird größtenteils verfüllt. Lediglich im Bereich des Bodendenkmals Haus Gutacker bleibt das alte Gewässerprofil ab dem Absturzbauwerk optisch unverändert und dient künftig als Grundwasservorfluter – lediglich die Betonsohlschalen werden entnommen. Der Entwässerungsgraben wird künftig seinerseits als eine Art „Bodendenkmal“ an die vergangene Ära der Köttelbecken erinnern.
In die Renaturierung des 2,2 Kilometer langen Westerbachs investiert der Lippeverband 2,2 Millionen Euro.
100 Jahre Lippeverband
Der Lippeverband wurde vor 100 Jahren – am 19. Januar 1926 – gegründet, um die Folgen der Industrialisierung und des Bergbaus in Einklang mit der Natur, der Gesundheit und der Lebensqualität der Menschen zu bringen. Der Verband konnte ohne größere Zeitverluste seine Aufgaben angehen, da sich die Verbandsorgane entschlossen hatten, die Geschäftsführung mit der bereits 1899 gegründeten Emschergenossenschaft zu vereinigen. Man vermied dadurch den Aufbau einer eigenen Verwaltung. Sitz des neuen Verbandes wurde seinerzeit Dortmund. Dort war die Sesekegenossenschaft ansässig, die bereits 1913 nach Vorbild der Emschergenossenschaft gebildet worden war und nun im Lippeverband aufging. Zuständig war der Lippeverband nicht für das gesamte Lippe-Gebiet ab der Quelle, sondern für den industriell stark geprägten Raum unterhalb Lippborg bis zum Rhein bei Wesel – inklusive der Nebenlaufgebiete. Bis heute lebt der Lippeverband als öffentlich-rechtliche Einrichtung das Genossenschaftsprinzip als Leitidee des eigenen Handelns. Weitere Informationen zum Lippeverband finden interessierte Bürgerinnen und Bürger auf jubilaeum.eglv.de.